happily ever after

September 30, 2016

Fünf Tage nachdem ich zwei Steine ins griechische Meer geworfen hatte, spülte an einem regnerischen Mittwoch im Juli das Schicksal aus Winchester über den Umweg einer Wiener Bäckerei ein wunderschönes Buch in mein Leben. Ich konnte es gar nicht mehr aus den Händen legen, so sehr liebte ich dieses Buch, noch bevor ich die erste Seite gelesen hatte. Es beleuchtet witzig und intelligent die verschlungenen Wege zum Liebesglück der Protagonistinnen aus den Novellen von Jane Austen, die als literarische Spiegelbilder und Archetypen im Umgang mit dem heutzutage weitverbreiteten Dating-Dilemma dienen, welches mich seit Jahren irritiert über die emotionale Verwahrlosung in unseren zwischenmenschlichen Begegnungen nachdenken lässt. Diese Gedanken möchte ich heute mit euch teilen. Eine Warnung vorweg: es ist mit 2.376 Worten ziemlich lang geraten und keiner der seichten, wortkreativen Lili Blogs. Dazu ist das Thema zu ernst. Es geht um Liebe und Beziehungen. Es geht um die Frage, ob ein Happy End ein Ende mit Verfallsfrist ist oder ob zwei Menschen für immer miteinander glücklich sein können. Was ist Liebe, was erwarten wir von Beziehungen, wie entstehen diese in unserem Yolo-Jahrhundert und wohin führen sie uns, wohin lassen wir sie uns entführen?

 

Anlässlich der Scheidung von Brangelina erreicht mich eine Nachricht von Freundin S.: „Deshalb halte ich nicht viel von Liebe. So groß kann die gar nicht sein, dass man sich nach ein paar Jahren nicht fad wird und mit Geld scheiden lässt oder ohne halt zusammenbleibt.“ Ich widerspreche ihr heftig. Warum, werde ich versuchen in diesem Blog über den Jane Austen Way to Happily Ever After zu erklären, und ausnahmsweise meine spitze Zunge im Zaum halten.

 

Zur Einstimmung einige Paradebeispiele für Beziehungsschnapsideen, die zu einem vorprogrammierten Scheitern verdammt sind:

 

Freundin A.: ständig auf der Suche nach finanzieller Absicherung, taumelnd zwischen dem einen oder anderen halbgaren bis massivverkorksten Typ, die meisten davon schwer verheiratet. Jane Austen kann sie nicht leiden und anlässlich meines letzten Freitagsblogs dachte sie nach und stellte fest, dass sie noch nie ihr Herz verloren hat, Beziehungen immer im Bett begannen und zuletzt als Teenager verliebt war, als sie den Namen des aktuell Angebeteten ins Fensterbrett ritzte, aber danach nicht wirklich.

 

Freundin B.: Was kann aus einer Beziehung werden, die damit beginnt, dass B. in einer Disco abtanzt, und während sie sich umdreht, fängt sie den Blick eines Mannes auf, dessen erste Worte lauten: Das wird ein Problem. Klingt prickelnd und sexy, doch auf welcher Basis? Herrgott, der Kerl war sogar noch gescheit! Aber nein, natürlich schreit Madame bei Problem laut hier, dabei könnte sie gleich leere Kilometer und ein zerrissenes Herz aussparen und sich eingestehen, dass das Szenario keine Zukunft hat.

 

Freundin C., geschieden, auf der Suche nach dem Traummann, der neben guten Gesprächen einen sportlich durchtrainierten Körper und übersinnlichen Sex bietet, ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, den finanzielle Fragen langweilen, weil er sich zwischen dem Porsche und dem Aston am Morgen immer so schwer entscheiden kann und nebenbei … tja, dann wacht sie ernüchtert auf, und resigniert: wird wohl nix, ich bin fünfzig und der fünfzehn Jahre ältere Wunderwuzzi garniert mit seinem Bierbauch die willigen Achtundzwanzigjährigen ab.

 

Ähnliche Geschichten könnte ich noch bis Z weiterspinnen. Wenn ich mir diese Lebens- und Liebesphilosophien ab und an bei Mädelsabenden reinziehe, bin ich gerne alleine mit meinen Katzen.

 

Doch es gibt gute Neuigkeiten: die Hoffnung auf die Lebensliebe, mit der wir „für immer glücklich“ sind, ist nicht gestorben. Und diese Erkenntnis verdanken wir der unendlich klugen Schriftstellerin Jane Austen. Jane hat einen Kanon bestimmt, nach dem Männer und Frauen die Irrwege der Liebe unfallfrei meistern sollen, ohne oberflächlich, manipulierend und verlogen zu agieren. Jane respektierte Männer gleichermaßen wie Frauen, und davon können wir noch viel lernen. Jane hat uns Elizabeth und Mr. Darcy geschenkt und damit den Glauben an die wahre Liebe und das immerwährende Glück.

 

Im Universum von Jane Austen gibt es eine kosmische Einheit von Verstand und Gefühl, die wir der Schnelligkeit des 21. Jahrhunderts geopfert haben. In der heutigen Zeit verlorengegangene Grundwerte und ein differenzierter Ansatz rund um das Thema physischer Anziehung überwiegen dort über sexuelle Reize, gutaussehende Vollpfosten und heiße Feger. Damals hatte man als Frau das Herz eines Mannes gewonnen, wenn man es zu vermeiden wusste, sich auf das unterste Balzniveau zu erniedrigen, die Würde in allen Flirtsituationen zu bewahren, und mit der Überlegenheit der Gedanken Attraktivität auszustrahlen. Mit diesen Kompetenzen konnten sich Jane Austens Heldinnen durch das Minenfeld der Liebe einen selbstbestimmten Weg bahnen, ohne in die Lächerlichkeit abzugleiten. Davon sind wir heute meilenweit entfernt. Nicht nur ich, sondern auch Elizabeth Kantor, die Autorin des weisen Buches „The Jane Austen Guide to Happily Ever After“, haben sich die Frage gestellt, ob diese antiquiert anmutende Haltung auf der modernen Suche nach Mr. Darcy überhaupt noch zeitgemäß und erstrebenswert ist, wenn wir doch andererseits konkurrenzfähig sein müssen? Aber müssen wir das wirklich? Brauchen wir Tonnen von Schminke, zugekleistert bis wir nicht mehr wir selbst sind, schwindelerregende Stilettos und verführerische Ausschnitte bis zum Bauchnabel? Nein, nicht wirklich, ganz sicher nicht. Mit diesen Botschaften ziehen wir genau jenes Männerspektrum an, welches wir nicht verdient haben.

 

Anhand der Signale der Verzweiflung aus Ratgebern, die uns allerorts trickreiche Glückslösungen anbieten, wird offensichtlich, dass die neuzeitliche Romanze in einer Sackgasse angekommen ist. Ganz im Gegenteil sind wir mitten in der trivialen have fun, you only live once, sammle Parship-Dates und Tinder-Erfahrungen, und noch mindestens Fifty Shades of Grey an Experimenten, schaumahalteinmaldannsehmaschon Gesellschaft gelandet. Singles sind auf der Überholspur der Neuzeit unterwegs, und unglücklicher als je zuvor. Frauen haben Erwartungshaltungen, die kein normaler Mann erfüllen kann. Männer wissen nicht mehr, wie sie das Herz einer Frau nachhaltig erobern. Männer betrachten Frauen als erotische Beute- und Schmuckstücke. Frauen haben aufgehört, zu ergründen, was Männer wollen und die Marsianer zu verstehen. Wir nehmen Beziehungen nicht mehr ernst. Wozu auch? Es kommt ja eine nächste. Viel schlimmer noch: wir nehmen die Liebe nicht mehr ernst.

 

Worum geht es auf der Suche nach dem „happily ever after“, dem Glück für immer?

Ganz simpel: Falling in love with the right man/woman, at the right time, in the right way. AND keep it that way…

 

Das heißt unter anderem nicht in pink-romantischen Erwartungen zu versinken, sondern gleichzeitig realistisch zu bleiben, die Verantwortung für unser Glück nicht der Außenwelt zu übertragen und ein Happy End nicht als Ende, sondern als Happy Beginning, als einen Anfang zu verstehen. Was wird aus Julia Roberts und Hugh Grant, nachdem die Filmgöttin nach langen Wirren in Notting Hill endlich „für immer“ gehaucht hat? Liegen die jeden Tag auf der Parkbank und schweigen sich verliebt an? Schmeißt ihr Hugh ein Buch nach, weil Pretty Woman schon wieder einen Blockbuster in Hollywood dreht und er mit dem Kind überfordert ist? Habt ihr euch einmal gefragt, was aus Leo und Emmi geworden ist? Ob sich Daniel Glattauer das manchmal fragt? Was wird aus solchen Leuten, wenn der Nordwind nicht mehr weht? Nach zwei Büchern haben sich Frau Rothner und Herr Leike endlich in ein Happy End geschrieben. Schickt Emmi nun ein knappes SMS, Leo möge doch endlich einmal den Mist raustragen, nur Leo hat null Bock, weil er sich gerade furchtbar darüber ärgert, dass für seine Schuhe kein Platz ist neben der Manolo Blahnik Sammlung seiner Holden? Oder schreiben sich die beiden noch Liebesbriefe, die sie im Eiskasten oder unter dem Kopfpolster verstecken?

 

Heute begraben wir unsere Träume auf einem Friedhof der Kompromisse und geben uns viel zu häufig mit weniger zufrieden, als wir wirklich wollen. Rational Happiness ist kein Modewort. Stattdessen wird uns von Zeitgeistzeitschriften suggeriert, was wichtig zu sein hat, wie man ihn rumkriegt, wie sich Sex anzufühlen hat, den wir im Sonderangebot an jeder Straßenecke und Bartheke bekommen, und wir enden mit einem Orgasmusfeuerwerk oder Geld oder Status – und sind dabei todunglücklich. Was macht die perfekte Jane Austen Heldin anders? Sie sucht kein kurzweiliges Vergnügen, reflektiert die Fehler der Vergangenheit, denkt über ihr früheres Verhalten nach und ändert die Richtung. Die Heldinnen in den Romanen von Jane Austen verschwenden keine Zeit mit Sonnyboys und erkennen, wenn auch erst spät, manchmal zu spät, die Qualitäten eines Mannes, den sie viel zulange übersehen haben. Was können wir im Jahr 2016 daraus lernen? Lasst euch Zeit. Schaut ein zweites Mal hin. Stellt euch die Frage, ob die Wahl der Männer in eurem Leben dem entsprochen hat, was ihr wirklich wollt. Oder habt ihr den anspruchslosen Umweg genommen?

 

Zeit ist so relativ in so vielerlei Hinsicht. Jane Austen lebte und entwickelte ihr Konzept für Glück und eine erfüllende Beziehung zwischen Männern und Frauen vor über 200 Jahren. Damals hatte man noch viel mehr Zeit. Doch die Hektik unserer Zeit soll keine Ausrede dafür sein, dass wir keine Zeit mehr für die Liebe haben. Bloß wie fangen wir es an, die Überholspur zu verlassen, Liebe nicht als Konsumgut zu betrachten, mit Ablaufdatum, und das zu finden, was wir im Innersten ersehnen, und vor allem es zu bewahren? Wenn wir nach dem Austen Prinzip leben und lieben wollen, und das sollten wir, denn alles andere ist Selbstbetrug und Zeitverschwendung, müssen wir uns klar sein, dass Liebe kein Hobby, Spiel oder Zeitvertreib ist. Wir können Männer nicht in bei Bedarf zu öffnenden Schubladen unseres Lebens halten, die der Absicherung, Bequemlichkeit, Lust oder Unterhaltung dienen. Wir sollten unsere Chancen auf das große Glück nicht vergeuden, indem wir Männer und Liebe beiläufig behandeln. Wir müssen unser Glück wieder ernst genug nehmen, um es zum ultimativen Lebensstandard zu machen, nach dem wir jede Entscheidung betreffend Männer abwägen und nichts Geringeres anstreben als jene Liebe, die Elizabeth mit Darcy fand.

 

Ein Plädoyer gegen die Romantik? Ja und nein. Auf jeden Fall für das Gefühl, Einfühlsamkeit in sich selbst und andere, und die Entschleunigung. Jane Austen hat uns gelehrt, den Romantizismus per se abzulehnen, ohne auf die romantische Ader in unseren Handlungen zu verzichten, diese aber nicht dem flattrigen Bauchgefühl, sondern einer rationalen Suche nach und dem beständigen Bemühen um ein lebenslanges Glück unterzuordnen.

 

Eine interessante Frage, die wir uns oft selbst gar nicht mehr beantworten können, wenn wir mit unseren Gefühlen mitten in der Liebeszone gelandet sind, ist: an welchem Punkt wusste ich, dass ich mein Herz verloren habe? Diese Frage stellt auch Elizabeth Bennet ihrem Mr. Darcy. Am Ende des Buches „Stolz und Vorurteil“ will sie wissen, was das verschlossene Raubein zuallererst dazu bewegte, sich um sie zu bemühen, sie zu lieben. Und der kluge Mann formuliert es so, wie es zumeist ist: Ich kann es nicht an der Stunde, oder dem Ort, oder dem Augenblick, oder an Worten festmachen, was den Grundstein legte. Es ist zu lange her. Ich war mitten drin, bevor ich wusste, dass ich begonnen hatte. Der Triumph der Langsamkeit über die Hast des Augenblicks. Das hilft uns natürlich lange noch nicht weiter zu verstehen, wie wir unser gerade eben gefundenes Glück bewahren können. Es zeigt jedoch, dass es „Beginnings“ und „Beginnings“ gibt. Die Autorin von „Happily ever after“ schreibt: Don‘t fall in love at first sight – or even on the first date. Da kann ich ruhigen Gewissens meine Unterschrift daruntersetzen.

 

Die meisten Beziehungen, nennen wir es besser Affären, haben in Wirklichkeit geendet, bevor sie tatsächlich begonnen haben. Andere Begegnungen zwingen uns – und ich meine das Wort absolut nicht negativ – zu Reflexion und zur Überprüfung unseres Selbst. Wir begegnen Menschen, die uns uns selbst hinterfragen lassen, an denen wir wachsen, denen wir gerecht werden wollen. In jeder guten Beziehung sollte es so sein, dass die Personen voneinander lernen, nicht den Partner, aber sich selbst immer wieder zurechtrücken und sich durch ein ausgewogenes Geben und Nehmen bereichern und vervollständigen, bei aller Freiheit. Die Freiwilligkeit und Selbstverständlichkeit dessen ist unabdingbar für das Gemeinsame. Jede Beziehung ist ein Wagnis mit unabsehbaren Folgen, auf das sich zwei Individuen einlassen, weil sie glauben, dass es immer der Himmel auf Erden sein wird. Nur ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Es wird nicht ausreichen, an den wolkenlosen Himmel, an ein rosarotes Leben nach dem Happy End zu glauben. Die Farben dieses Himmels müssen wir auf einer Palette mischen und ihn Tag für Tag auf dem Canvas unseres Lebens entstehen lassen. Das ist die Kunst. Wir alle wollen glücklich sein. Was aber ist Glück in einer Beziehung? Wie kann eine Beziehung „glücklich“ sein? Unglücklich, ja natürlich, aber wer oder was bestimmt die Maßeinheit von Glück durch Liebe? Glück ist es, sechs Richtige im Lotto zu tippen oder den Flieger zu verpassen, der wenig später abstürzt. Alles andere ist Arbeit, auch die Liebe. Wir bekommen sie nicht einfach so geschenkt. Was ist es also, wenn nicht dieses ominöse Glück, das eine liebevolle Partnerschaft zwischen zwei Menschen ausmacht? Vertrauen. Du bist sicher auch glücklich mit der Wahl deines Gynäkologen und vertraust ihm deinen Unterleib an, werdet ihr sagen, liebst du den auch? Nein, natürlich nicht, abgesehen davon, dass er verheiratet ist. Vertrauen ist essentiell für die Freiheit, die wir uns zugestehen, damit wir fliegen können und unser Gefieder nicht in einem Käfig seinen Glanz verliert. Vertrauen ermöglicht alles, was wir uns vorstellen können, es ist das schönste Geschenk, das wir machen oder erhalten können. Achtsamkeit. Ehrlichkeit. Herzlichkeit. Respekt. Treue. Unterstützung. Verständnis. Vertrauen. Zuverlässigkeit. Klingt alles todlangweilig, und doch sind es die Grundpfeiler, welche es uns ermöglichen, einander zu lieben, miteinander glücklich zu sein und zu bleiben. Sicher ist jeder anders gestrickt, aber bevor ich jemanden lieben kann, muss ich diesem Menschen vertrauen. Und mir gleichzeitig bewusst sein, dass auch Mr. und Mrs Right Fehler haben. Dass man auch Fehler lieben kann. Dass es ab und an regnet. Dass auch Regen schön sein kann. Dass die Liebe nie um Verzeihung bitten muss. Dass die Liebe ein verderbliches Gut ist, wenn man sie nicht konserviert, gießt und wachsen lässt. Liebe nutzt sich nicht ab, indem man sie benutzt.

 

Jane hat eine große Blume verdient, und wenn ich irgendwann einmal an ihrem Grab in Winchester vorbeikomme, werde ich ihr dankbar eine Wildrose verehren.

 

P.S.: Und weil ich Mrs Austen so abgöttisch liebe, noch ein paar Zitate von der, die eine Lady war:

 

  • If I loved you less, I might be able to talk about it more.

  • There is no charm equal to tenderness of heart.

  • The person, be it gentleman or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid. 

 

P.P.S.: Wer auf den Geschmack gekommen ist und ein wunderbares Buch lesen will:

The Jane Austen Guide to Happily Ever After 

 


P.P.P.S.: Danke für das Geschenk.

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