Psychotherapie

January 22, 2016

 

„Das wird schon wieder“, klopfe ich uns auf die Schulter. Wir sitzen zu dritt auf der Couch und sprechen uns wieder einmal richtig gesund aus. Der Tag war ein nichtendenwollendes Fiasko. Mein psychopathisches Alter Ego wurde auf demütigende Weise vom Mann ihrer Träume verlassen und mein schwankendes Überfrauenich musste die Ablehnung ihres eben fertiggestellten Romans durch einen völlig ahnungslosen Lektoraspirantengehilfen hinnehmen. In solchen Lebenskrisen ist es wunderbar, nicht alleine zu sein. Gemeinsam sind wir stark, auch wenn eine nicht immer so genau weiß, was und warum die anderen tun. Im Großen und Ganzen leben wir aber sehr harmonisch miteinander. Wir brauchen auch keinen Therapeuten. Glücklicherweise ist eine halbprofessionelle Psychotante mit von der Partie und nimmt sich im Ernstfall der liebenswerten Psychopathin und der dauerrauschigen Autorin an.

 

Die Möchtegernschreiberin ist in Wirklichkeit der schlimmste Fall. Sie denkt nämlich, sie könne schreiben. Unter Einfluss von ausreichend Rotwein klappert unser weiblicher Hemingway durchaus ein paar genüssliche Zeilen zusammen, aber wehe der Stoff geht aus, dann versiegt gleichsam jegliches zusammenhängende Gedankengut. Also um es deutlich zu sagen: die Lady ist eine verkappte Alkoholikerin, die sich für Simone de Beauvoir hält. Oder Hera Lind. Oder war es Polly Adler? Egal. Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, die Psychopatin hat wieder Stress mit einem der unzähligen Verflossenen und muss von der Psychotante von perfiden Racheplänen abgehalten werden, wobei den Porsche des Ex mit den Fingernägeln schrottreif zu kratzen noch der harmloseste ist. „Das ist unter deiner Würde“, rezitiert die autodidakte Seelentherapeutin engelsgeduldig, „so ein Männerschwein ignorierst du doch im Vorüberstöckeln nicht mal mit einem Seitenblick“. „Ich finde, wir sollten das in einer humoristischen Kurzgeschichte aufarbeiten“, lallt unsere Champagnerfeten-Schreiberin und kippt seitlich weg. „Den Typen hab ich schon längst im dunkelsten Keller meiner Vergangenheit zusammen mit den anderen Männerleichen abgelegt“, bringt die psychopatische Lili die anderen beiden Lilis zum Schweigen, „oder meint ihr, ich verschwende meine Zeit und Nagelfeilen auf Dummköpfe, die sich lieber eine Berufstussi reinziehen, als mit einer brillanten Diva wie mir den erogenen Nahkampf aufzunehmen?“

 

Die Teilzeitpsychotante ringt japsend nach einer Antwort, die ihrem Ruf in der Fachwelt gerecht werden würde und bringt nicht mehr als ein mattes „Das Leben und die Liebe sind ein einziger Kompromiss“ heraus. „Verzapf nicht so einen unverdaulichen Blödsinn“, erwacht die verkannte Jungautorin aus dem Rotweindunst, „bei Wein gibt es keine Kompromisse. Das Leben ist zu kurz um schlechten Wein zu trinken und unzurechnungsfähigen Männern nachzulaufen“. Darauf erheben wir unser Glas und zahlen gerne das Honorar für die Psychotherapiesitzung in die Gemeinschaftskasse. Bleibt ja in der Familie und morgen trösten wir uns mit einem Paar neuer Schuhe!

 

 

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